Klare Vision und mutige Umsetzung

Großinvestition von Infineon als Riesenchance für Kärnten. Es braucht mehr Exzellenz und ein neues Standortmarketing. Christoph Kulterer übergibt das Staffelholz der IV-Kärnten-Präsidentschaft an Timo Springer.

v.li.n.re.: Ulrich Zafoschnig, Sabine Herlitschka, Timo Springer, Gaby Schaunig

Was hat die ebenso kurze wie beeindruckende Geschichte des chinesisch-globalen E-Mobilitäts-Startups NIO, das – obwohl erst 2014 gegründet – schon 6.000 Mitarbeiter beschäftigt, mit Kärnten zu tun? Zum Beispiel, dass die gebürtige Villacherin Angelika Sodian in Shanghai ziemlich von Anfang an mit dabei war. Sie hat das NIO-Design-Center in München aufgebaut und leitet heute die erfolgreiche Motorsport-Abteilung in England sowie das Formel-E-Team von NIO (Formel-E ist die elektrische Alternative zur Formel 1). Die Lernkurve war steil, betriebswirtschaftliches Fachwissen nur bedingt nützlich, berichtet sie heute von ihren Erfahrungen, aus denen sie in ihrem Vortrag vor Mitgliedern und Gästen der IV Kärnten im Schloss Seefels am 14. Juni fünf Erfolgsfaktoren ableitete, die in der anschließenden Standortdiskussion mehrfach aufgegriffen wurden.

  • Erstens die klare Vision. Bei NIO ganz einfach, die Autoindustrie zu revolutionieren.
  • Zweitens das “Empowerment” also die Freiräume für Kreativität.
  • Drittens die Agilität, also eine fehlerfreundliche Unternehmenskultur, die aber nie in der Planungsphase hängen bleibt.
  • Viertens ein internationales Team von Talenten an den richtigen Standorten.
  • Fünftens die mutige und noch wichtiger die schnelle Umsetzung. NIO hat in nur 18 Monaten ein E-Auto für den chinesischen Markt entwickelt und davon schon 10.000 Stück verkauft. Die Eigentümer kommen eigentlich aus dem Online-Geschäft und haben für die Branche völlig neue Marketinginstrumente entwickelt.

Klare Vision fehlt

Gerade diese “klare Vision” fehlt dem zuvor vom Vorstand gewählten Kärntner IV-Präsidenten Timo Springer für den Standort noch. Er werde international noch nicht als Industrie- und Technologieland im Süden Österreichs gesehen. Man solle nicht “jammern”, dass junge Kärntner abwandern, man solle den Spieß doch umdrehen und schauen, dass man junge Menschen hierher zur Ausbildung bringe.

Infineon-Österreich-Chefin Sabine Herlitschka, deren Team es gerade gelungen ist, die größte Einzelinvestition eines Unternehmens in Österreich seit Menschengedenken nach Villach zu ziehen, sekundierte: Im Paket, das sie mit Bund, Land und Stadt zur Unterstützung dieses Riesenprojekts ausverhandelt hat, spielen die Bildungseinrichtungen eine wichtige Rolle. Das sei ein weltweit beachtetes Signal: “Wir sitzen am Serviertablett und die Welt schaut zu”, beschrieb sie die Chancen für Kärnten. Sie forderte daher vehement Exzellenz ein. Nur um ein Beispiel zu nennen, formulierte sie als Ziel, in Kärnten doch die beste Fachhochschule Europas zu etablieren oder zumindest unter die Top-50 zu kommen.

Mutige Umsetzung?

Und damit war man auch schon mitten in der Diskussion über die “mutige Umsetzung”. Georg Kapsch, Präsident der IV Bundesorganisation sieht die deutliche Verbesserung Österreichs bei einschlägigen Wettbewerbs-Rankings in den Ankündigungen der Bundesregierung begründet. Von der Flexibilisierung der Arbeitszeit bis zur steuerlichen Entlastung der Unternehmen sprach er mehrere Themen an, bei denen die Regierung den Vorstellungen der IV folge. Er verhehlte aber auch nicht, dass bei den wirklich großen Themen wie der Gesundheits-, Pensions- und Verwaltungsreform bisher noch wenig zu hören war.

Der Kärntner Politik ist klar, was die Infineon-Investition im Land auslösen wird. LHStv. und Technologiereferentin Gaby Schaunig sieht den Fokus auf den richtigen Themen. Es sei viel Geld in Forschungsinstitute geflossen: das Robotics-Institut von Joanneum Research, das Holzforschungszentrum K-Wood, das Sensorik-Zentrum Carinthian Tech Research (dessen Vorstand Werner Scherf die Diskussion moderierte), den Silicon Alps Cluster oder die Silicon Austria Labs, aber auch das Welcome-Center, um junge Talente ins Land zu holen.

Ihr Regierungskollege und Wirtschaftslandesrat Ulrich Zafoschnig versprach deutliche Verbesserungen bei Genehmigungsverfahren durch Etablierung einer Ombudsstelle für die Wirtschaft, in die auch die IV eingebunden sein werde. Beide kündigten außerdem ein neues Standortmarketing-Konzept an, das die Stärken Kärntens besser unterstütze. Eine zentrale Forderung der IV Kärnten in ihrem “Zukunftsprogramm”, wie Timo Springer erinnerte. Er appellierte, Tourismus und Industrie nicht als Gegensatz zu sehen, sondern auf das Miteinander zu setzen. Aus dem Porto Bello im Schloss Seefels in Pörtschach auf die Anlegestelle blickend, meinte er: “Wir sitzen alle in einem Boot”.

Staffelholz übergeben

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Springer seinem Vorgänger als Präsident der IV Kärnten, Christoph Kulterer, für seinen Einsatz und seine Erfolge gedankt. Er sei mit seiner Energie der Dynamo für Unternehmer und Unternehmen der Kärntner Industrie gewesen. Kulterer übergab ihm das Staffelholz der Präsidentschaft: “gesägt in meinem Sägewerk und gefertigt auf deinen Maschinen”, spielte er auf dessen Unternehmen, die Springer Maschinenfabrik an, die Anlagen für die Sägeindustrie produziert.

Kulterer zog kurz sein Resümee über über sechs Jahre Präsidentschaft. Er habe das Amt in schweren Zeiten übernommen, in der die Industrie der Lichtblick im insolvenzgefährdeten Bundesland gewesen sei. Die IV Kärnten habe dem depressiven Triple-A aus Arbeitslosigkeit, Armut und Abwanderung das optimistische Triple-I aus Innovation, Investition und Internationalität entgegengehalten. Gerade bei den Zukunftsthemen sei viel weitergegangen. Hinter der schönen Urlaubskulisse verberge sich ein echter High-Tech-Standort. Größere Reformen in budgetrelevanten Bereichen seien leider nicht gelungen. Kulterer verabschiedete sich nicht. Er bleibe im Vorstand und Kärnten als Botschafter jedenfalls erhalten.

 

Kontakt

Gilbert Waldner

Öffentlichkeitsarbeit, Infrastruktur, Innovation, Industriellenvereinigung Kärnten

T +43 463 56615 16
gilbert.waldner@iv.at


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