Kärnten hat Potenzial

Technologisch trägt Kärnten einiges zur Energiewende bei. Wenn es auf diesem Kurs weiter erfolgreich sein will, braucht es mehr gut ausgebildete Techniker, mehr Kooperation in internationalen Großprojekten, gezielte Förderungen und weniger Bürokratie.

Claudia Mischensky, Gilbert Isep, Theresia Vogel, Sabine Herlitschka, Armin Wiersma

Die Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds (KLIEN), Theresia Vogel, stellt Kärnten ein gutes Zeugnis aus. Es habe ausgeprägte Stärken in den Bereichen Solar, intelligente Netze, Smart Cities, Energieeffizienz und Elektromobilität, meinte sie bei einer Veranstaltung von IV, Kelag und Infineon in Villach. Gemeinsam mit Herbert Pairitsch von Infineon erinnert sie sich an das vom KLIEN geförderte Großprojekt der LED-Bulbs, in dem der Österreich-Zweig des deutschen Halbleiterkonzerns nach der überraschenden Einführung des Glühbirnenverbots der EU zusammen mit Partnern den ersten Prototypen vorzeigen konnte. Diese internationalen Innovationsprojekte sind es auch, die für Vogel den größten Hebel bewirken, weil sie ganze Wertschöpfungsketten bewegen. Sie verwendet hier das Bild der Spitze des Eisbergs. Ähnlich spannend übrigens auch das Projekt „Infinity“ eines Konsortiums um das Villacher Forschungszentrum CTR, das die Effizienz von Photovoltaik-Anlagen erhöhen wird.

Photovoltaik auf Industriedächern

Best-Practice-Beispiele aus der Photovoltaik wurden an diesem Abend einige vorgestellt. Beeindruckend die 1-Megawatt-Anlage am Dach von Flex in Althofen, die durch die Mitarbeiter finanziert wurde. Über die Laufzeit von 13 Jahre wird ihnen eine jährliche Verzinsung von 3,2 Prozent garantiert. Eingespart werden 418.000 Tonnen CO2.

Ähnliche Beispiele hat auch Ingram Eusch von der Klagenfurter PVI vorzuweisen: Am Dach des Fleischverarbeiters Marcher in Villach oder des Holzunternehmens Hasslacher Norica Timber in Sachsenburg. Aber er übt auch deutlich Kritik: Wegen der völlig überzogenen bürokratischen Hemmnisse dauern die Genehmigungsverfahren zu lang – die unterschiedlichen Landesgesetze sind ein zusätzliches Hindernis. Außerdem wünscht er sich eine Umstellung der Förderung in Richtung der Investitionen. Ähnlich der Wohnbauförderung solle es auch ein Instrument zur Unterstützung des Durchsetzens von Erneuerbarer Energie geben.

Es gibt aber auch sehr erfolgreiche Beispiele aus der Industrie, wo etwa Wärme aus spezifischen Prozessen genutzt wird. So etwa in Graz, wo Gärwärme aus der Puntigamer Brauerei zur Wärmeversorgung eines angrenzenden Wohnviertels mit Büros und Gewerbebetrieben genutzt wird. Es ist das erste derartige, durch das 270.000 Kubikmeter Erdgas substituiert werden können, weiß Gerald Zanker. Der Start erfolgt im November 2017. Bei den meisten der vorgenannten Projekten ist die Kelag mit im Spiel. Sie ist inzwischen einer der Player mit dem größten Knowhow bei komplexen Nah- und Fernwärmenetzen. Bestes Beispiel ist jenes in Villach, das schon einen industriellen Anteil von 34 Prozent hat.

Enormes Knowhow hat sich auch FunderMax bei industriellen Heißwassernetzen erworben. Laut Michael Obweger ist das Energiemanagement in der Plattenproduktion besonders herausfordernd, weil in kurzer Abfolge hohe Temperaturunterschiede benötigt werden. Durch zusätzliche Heißwasserspeicher und ein neues Lastmanagement konnte hier der Energieverbrauch am Standort Wiener Neudorf um 12 Prozent oder 19 von vorher insgesamt 160 GWh gesenkt werden.

 

Energieintensive Industrie mit Technologieproblem

Vogel bezeichnet die großen energieintensiven industriellen Prozesse als eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende. Da fehle es noch an entsprechenden Technologien, da sei die Innovation gefordert. Infineon-Österreich-Chefin Sabine Herlitschka sieht als wesentlichen limitierenden Faktor, dass zu wenig Fachkräfte zur Verfügung stehen. Allein bei Infineon Österreich gibt es derzeit 180 offene Stellen. Jeder zweite neue Mitarbeiter müsse international besetzt werden. Eine deutliche Kritik in Richtung veraltetes Bildungssystem, das zu langsam zu wenige Fachkräfte zur Verfügung stelle. Ihr zweiter großer Kritikpunkt: Die öffentliche Beschaffung in Österreich, die immerhin ein Volumen von 40 Mrd. Euro pro Jahr bewege, achte zu wenig auf Energieeffizienz. Da müsse ähnlich wie etwa in den USA ein Umdenken stattfinden.

Mehrfach wurde an diesem Abend auch darüber diskutiert, wie das Umweltbewusstsein auch bei den Bürgern Rückenwind bekomme. Da ist die Kelag mit spannenden Anwendungen zur Stelle. Vorstand Armin Wiersma freut sich über die Green-App, die dem Kunden spielerisch beim Energiesparen hilft oder über die 90.000 Fans bei Facebook, den Webshop, der nicht nur die Standardleistungen Strom und Gas anbietet, sondern auch Lifestyle-Produkte. Das Kärntner Energieversorgungsunternehmen ist hier international einer der Vorreiter.

Das ändert allerdings nichts an den schwierigen Rahmenbedingungen vor allem durch Bürokratie und unbewegliche politische Entscheidungsträger. Da kommen Themen wie die durch die massive Einspeisung volatiler Erneuerbarer Energie nötigen Ausgleichskraftwerke oder der Ausbau der Netze auf die Agenda: die überzogenen Bürgerrechte, die Projekte immer unrentabler und Netze instabiler machen.

Gilbert Isep, der Aufsichtsrat der BABEG, also der Institution, die jene Landesgesellschaften steuert, die sich mit Innovation beschäftigen, streicht auch lieber Venture-Fonds hervor und die 46 besonders umweltaktiven E5-Gemeinden als die verkorkste Gesetzeslage, die noch dazu meistens vom Bund verordnet wurde.

Fazit des Abends: Man wünscht sich mehr echte Kooperation und Umsetzung als Absichtserklärungen. Angesichts der drohenden – und teilweise schon eingetretenen – Folgen des Klimawandels müsse mehr getan werden, selbst wenn das bedeute, dass die eine oder andere Innovation „in den Sand gesetzt“ werde.  

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