Spitzenforschung braucht Mut: ESA-Reserveastronautin Carmen Possnig zu Gast bei der IV Kärnten

Auf Einladung der Industriellenvereinigung Kärnten fand bei der Wiener Städtischen Versicherung in Klagenfurt ein hochkarätiger Abend zum Thema Forschung, Innovation und Raumfahrt statt. Als besonderer Gast konnte die Kärntner ESA-Reserveastronautin Carmen Possnig gewonnen werden. „Sie trägt zur internationalen Sichtbarkeit Kärntens bei und steht beispielhaft für Innovationskraft, wissenschaftliche Exzellenz und den Mut, neue Wege zu beschreiten“, betonte Claudia Mischensky, Geschäftsführerin der IV Kärnten, in ihrer Begrüßung. Durch den Abend führte Uwe Sommersguter, Leiter des Ressorts Wirtschaft der Kleinen Zeitung, der gemeinsam mit den Gästen in Zukunftsthemen an der Schnittstelle von Wissenschaft, Forschung und Industrie eintauchte.

 

Carmen Possnig gab eindrucksvolle Einblicke in ihre Erfahrungen auf der Forschungsstation Concordia in der Antarktis und in ihre Ausbildung zur Astronautin. Sie schilderte die extremen Bedingungen der Polarnacht mit monatelanger Dunkelheit, die Bedeutung von Teamfähigkeit in Ausnahmesituationen und die Faszination, an Orten zu arbeiten, an denen die Grenzen des menschlich Machbaren ausgelotet werden. Mit Blick auf die Raumfahrt betonte sie die zentrale Rolle von Robotern bei der Erforschung des Weltalls und der Vorbereitung bemannter Missionen. Gleichzeitig strich sie hervor, wie wichtig der Mensch selbst ist, und dass man ihn brauche, um neue Welten zu erkunden, Erfahrungen einzuordnen, die Geschichten hinter wissenschaftlichen Entdeckungen zu erzählen und einen Fußabdruck zu hinterlassen.

Im Mittelpunkt der anschließenden Podiumsdiskussion standen die Chancen und Herausforderungen von Forschung, Innovation und Raumfahrt auch in Hinblick auf den Standort Kärnten, sowie die Frage, welche Voraussetzungen es braucht, um technologische Spitzenleistungen hervorzubringen. Neben Carmen Possnig diskutierten Julia Jaindl, zuständig bei der Infineon Technologies Austria AG für Innovationsthemen, Thomas Ladstätter, Senior Business Development Manager bei Silicon Austria Labs, Österreichs Spitzenforschungszentrum für elektronikbasierte Systeme, das Forschung und Industrie gezielt zusammenbringt, Stephan Weiss, Professor für Robotics und Artificial Intelligence an der Universität Klagenfurt und Roland Willmann, FH-Professor im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Kärnten

Verlässliche Industriepartnerschaften
In der Diskussion wurden die Voraussetzungen für erfolgreiche Innovationen aus Sicht von Wissenschaft und Industrie diskutiert. Dabei wurde die Bedeutung verlässlicher Industriepartnerschaften, langfristiger Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie der engen Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen hervorgehoben. 

Julia Jaindl hob hervor, dass die Anforderungen in der Raumfahrtindustrie enorm seien. So müssten beispielsweise Speicherlösungen entwickelt werden, die selbst extremer Strahlung standhalten und in sicherheitskritischen Infrastrukturen zuverlässig funktionieren. Jungen Menschen empfahl sie neben einer naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung „insbesondere die Fähigkeit zur Zusammenarbeit über Fach-, Länder- und Organisationsgrenzen hinweg“. Teamwork und Vernetzung seien heute ebenso wichtig wie technisches Fachwissen. Für Stephan Weiss sind starke Industriepartnerschaften ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Innovationen. Forschung und Entwicklung könnten nur dann nachhaltig wachsen, wenn Unternehmen darin wirtschaftliche Potenziale erkennen. Als besondere Stärke Kärntens nannte er die hohe Dichte an hochqualifizierten Spezialistinnen und Spezialisten. Gerade in Zukunftsfeldern wie der Drohnentechnologie entstünden große Chancen, wenn unterschiedliche Kompetenzen erfolgreich vernetzt werden.

Roland Willmann betonte ebenfalls die Bedeutung langfristiger Investitionen in Forschung und Entwicklung. Die Bereitschaft der Industrie, gemeinsam mit wissenschaftlichen Einrichtungen neue Technologien voranzutreiben, sei entscheidend für den Innovationsstandort Kärnten. Als Beispiel verwies er auf die Potenziale des Metall-3D-Drucks, einem Bereich, in dem in Kärnten bereits intensiv geforscht wird. Für Thomas Ladstätter steht die Sichtbarkeit von Spitzenforschung in engem Zusammenhang mit der erfolgreichen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in marktfähige Produkte und Dienstleistungen. Der Weg von der Forschung bis zur Anwendung sei oft lang und ressourcenintensiv. Umso wichtiger seien Menschen, die mit Mut, Leidenschaft und der Bereitschaft, Risiken einzugehen, Innovationen vorantreiben und neue Wege beschreiten. 

Einigkeit herrschte unter den Diskutierenden darüber, dass Kärnten hervorragende Voraussetzungen als Technologie- und Forschungsstandort bietet. Entscheidend sei es, die vorhandenen Stärken in Wissenschaft, Forschung und Industrie noch stärker zu vernetzen und sichtbar zu machen. Carmen Possnig unterstrich dabei, dass große Ziele Ausdauer erfordern: Auch der Weg zu einer eigenen Weltraummission gleiche einem Marathon und verlange einen langen Atem.

Zur Person von Carmen Possnig:
Carmen Possnig, geboren 1988 in Klagenfurt, ist Ärztin, Forscherin und ESA-Ersatzastronautin. Bereits während ihres Medizinstudiums beschäftigte sie sich mit den Auswirkungen künstlicher Schwerkraft auf den menschlichen Körper. 2017 verbrachte sie im Auftrag der ESA 13 Monate auf der Forschungsstation Concordia in der Antarktis, wo sie unter extremen Bedingungen erforschte, wie sich Menschen körperlich und psychisch an Isolation und lebensfeindliche Umgebungen anpassen. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie 2020 in einem Buch. Ende 2022 wurde sie als erste Österreicherin mit realistischen Chancen auf einen Raumflug in das ESA-Ersatzastronautenkorps aufgenommen. Heute forscht sie zu den Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Herz-Kreislauf-System und das Gehirn. Carmen Possnig vereint medizinische Expertise, wissenschaftliche Neugier und außergewöhnlichen Pioniergeist, als Ärztin, Polarforscherin und Astronautin in Ausbildung.